Von der Angst, nicht produktiv genug zu sein.


Heute habe ich ja fast gar nichts gemacht, wird mir plötzlich klar. Meine Texte. Mein Buch. Sie warten. Warten darauf, endlich fortgesetzt, endlich fertiggestellt zu werden. So viel zu tun! So wenig Zeit!
Es entsteht Druck. Ich schaue auf die Uhr, stelle fest: viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum Abendessen. Und nach dem Abendessen werde ich irgendwann müde sein.
Ich fange an, mich schlecht zu fühlen.
Denn all die Stunden, die dieser Samstag schon hatte, hätten doch bestimmt produktiver genutzt werden können, wenn ich nicht …
Moment.
Ich habe doch schon eine ganze Menge gemacht.
Ich habe ausgeschlafen und damit meinem Körper ordentlich Zeit gegeben, sich zu erholen.
Ich habe ein langes Bad genommen und dabei 50 Seiten meines Buches gelesen.
Ich bin einkaufen gegangen. Auf dem Weg habe ich wunderschöne Frostkunst auf Blättern und auf Holz gesehen und fotografiert. Ich habe zwei Eichhörnchen beobachtet, die sich gegenseitig einen Baum rauf und runter gejagt haben.
Ich habe mit meiner Katze gekuschelt und ein bisschen Liebe in sozialen Netzwerken geteilt.
Ich habe ein leckeres Stück Apfelkuchen zu einer Tasse Kaffee gegessen.
Mir wird klar.
Eigentlich habe ich ganz schön viel getan.
Dinge, die mal nötig waren. Nach einer Woche Arbeit und Krankengymnastik und Termine im Auge behalten.
Und vielleicht ist dann morgen ja wieder mehr Zeit für andere Dinge da. Dinge, die nicht sofort fertig sein müssen. Dinge, die warten. Bis ich da bin.
Durchatmen.



Ein bedeutender Aspekt meiner Angststörung war – und ist manchmal noch – die Angst davor, nicht genug Zeit zu haben und viel schlimmer: die verfügbare Zeit nicht optimal zu nutzen.
Ich schilderte meiner Therapeutin, wie ich am Abend nach der Uni einfach wie festgefroren vor dem Computer saß, unfähig, irgendetwas zu tun, weil ich einfach zu viel auf einmal tun wollte.
Am Ende kam immer die Scham. Die Schuld. Die Enttäuschung in mich selbst. Denn wollte ich nicht schon als Teenagerin ein Buch schreiben? Wo ist es? Ich habe doch Zeit! Ich sollte sie auch nutzen können. Doch schaffte ich mal etwas, erschien jemals gut genug.
Heute muss ich mich immer noch manchmal zwingen, es langsam anzugehen. Den Moment wahrzunehmen. Prioritäten zu setzen. Und auch einmal einzusehen, dass gerade nicht Zeit zum „arbeiten / erschaffen“, sondern Zeit zum Energie tanken ist. Denn das brauchen Körper und Geist einfach auch!
Klar weiß ich nie, wie viel Zeit mir effektiv noch bleibt. Aber wenigstens kann ich mittlerweile am Ende des Tages sagen: Hey, ich habe vielleicht nicht diese eine Sache getan, die mir wichtig ist. Aber ich habe doch so viele kleine andere Dinge getan, die mir gut getan haben und die ich gebraucht habe!
Und ganz ehrlich?
Manchmal ist es einfach auch mal schön, nichts zu tun. Und einfach zu sein.
Kennst du diese Angst?