Eine Angststörung zu haben fühlt sich an wie: Endlos auf etwas zu warten, das nie passieren wird.

Sommersemester 2016: Ich sitze im Seminarraum in der Universität, vor mir der Text, den ich auch nach dem vierten Mal lesen noch nicht verstanden habe.
Ständig angespannt warte ich auf eine Katastrophe. Jede Sirene draußen wird zum Supergau. Jedes Zucken eines Muskels wird zum möglichen Hirntumor. Jede Tür, die draußen zuschlägt, wird zum Amoklauf. Der Weltuntergang lauert in alltäglichen Details.
Während ich scheinbar den Worten des Dozenten lausche, laufen die Bilder in meinem Kopf, wie in einem Kino, in dem ich der einzige Zuschauer bin. Unter meiner Haut lauert ständig die nächste Panikattacke.
Spüre ich den bekannten Schwindel, begleitet von Schweiß und Herzrasen, stehe ich betont ruhig und langsam auf. Schiebe den Stuhl zurück. Verlasse den Raum. Laufe zur Toilette. Sitze auf der Toilette und atme durch. Klatsche mir kaltes Wasser ins Gesicht. Schaue mir selbst im Spiegel in die Augen.
Sage mir: Reiß dich zusammen. Es passiert sowieso nichts. So wie immer. So wie immer. So wie immer.
Ich gehe zurück. Lasse mir nichts anmerken. Falle zurück in meine Rolle. Aufmerksame Studentin. Es ist wie eine zweite Haut. Darunter kribbelt erneut die Angst, als draußen irgendein Dröhnen zu hören ist, das ich nicht genau zuordnen kann. Gleich, denke ich, wird sie passieren. Die schlimme Sache. Gleich.
Ich spanne mich an, warte und versuche, mich damit abzufinden. Denn ich kann doch eh nichts tun. Ich sitze hier, den Gewalten der Zeit und der Willkürlichkeit des Lebens ausgeliefert. Unfähig, irgendetwas oder irgendjemanden zu kontrollieren. Schutzlos. Sicherheit ist eine Illusion.
Am Ende passiert nichts. So wie immer. So wie immer.
Doch die Angst folgt mir wie ein Schatten und flüstert mir ins Ohr: Heute ist es nicht passiert. Doch es könnte morgen passieren. Und wenn es morgen nicht passiert, dann bleibt immer noch übermorgen.
Also warten wir.
~
Kennst du dieses Gefühl?

