Angststörung · Meine Texte · Schreiben

Der Flurtiger

Eine Kurzgeschichte

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Ich bin der Flurtiger.
Mitten in der Nacht, wenn alles schläft, gehe ich barfuß zum Takt der Uhr meinen gewohnten Weg und schleiche die Wände entlang auf der Suche nach Gefahren.
Ich tigere am Wohnzimmer vorbei, wo weißes Licht über die Wände flackert. Leises Murmeln und Lachen hallt durch die Stille der Nacht. Mama sagt, sie kann nur schlafen, wenn der Fernseher an ist. Da ist sie, auf dem Sofa, eingewickelt in ihren Bettdeckenkokon. Sie atmet. Ich kann es sehen. Kaum merklich hebt sich die Decke. Erleichtert gehe ich weiter.
Ich tigere in die Küche. Dort schalte ich die Geräte aus. Wasserkocher. Toaster. Kaffeemaschine. Schließe das Risiko eines Kabelbrandes aus.
Zurück im Flur halte ich die Nase in die Luft und schnüffle. Nach Rauch. Nach Gas. Nach unsichtbarer Gefahr. Mache die Wohnungstür auf. Halte mein Gesicht ins kalte dunkle Treppenhaus. Schnuppere auch hier. Lausche angestrengt ins kalte Nichts. Nur Stille dröhnt mir entgegen.
Ich schließe leise die Tür. Der Riegel quietscht, als ich ihn vorsichtig vorziehe. Mama regt sich auf dem Sofa. Ich erstarre. Doch Mama beginnt zu schnarchen. Also. Weiter. Langsam. Der Riegel rastet ein. Ich atme aus.
Der Flurtiger schleicht barfuß zurück ins Kinderzimmer. Bevor ich ins Bett steige, sehe ich zum Fenster hinaus.
Sterne am Himmel. Rote Punkte, die blinkend ihre Bahnen ziehen. Mein Herz pocht gegen meine Rippen. Es dröhnt. Vor meinen Augen: Explosion. Flammen, die zu Kometen werden. Doch als ich blinzele, ist der Punkt nur ein Punkt. Er verschwindet hinter einem Häuserdach.
Der Tiger rollt sich im Bett zusammen. Doch ich kann nicht einschlafen. Noch nicht. Vor meinen Augen laufen die Bilder weiter. Ein Kinofilm. Er hat kein gutes Ende.
Die Angst ballt sich in Gedanken zusammen.
Vielleicht sollte ich noch einmal sicher gehen, dass wirklich keine Gefahr herrscht.
Wer sonst wird es tun?
Wer sonst wird dafür sorgen, dass uns nichts passieren kann?
Niemand sonst.
Niemand außer mir.
Selbst als der Drache tobte, als sein Schatten durch den Flur polterte und sein saurer Atem die Luft verpestete, als seine Schreie die Wände zum Beben brachten, selbst da waren die Nachbarn alle taub und blind. Wie ihre Fenster. Zugezogene Gardinen. Dunkel und stumm.
Der Tiger war ängstlich. Zu ängstlich um etwas zu unternehmen. Er beobachtete mit weit geöffneten Augen die Schatten, die vor der Tür tanzten. Im Türspalt zu sehen. Doch er war angespannt, der Tiger. So angespannt. Alle Muskeln bereit. Denn im Fall der Fälle … Wer sonst hätte etwas tun sollen? Wer sonst hätte Mama beschützt? Wer sonst? Der Tiger hätte es getan.
Der Tiger wäre eingeschritten. Der Tiger hätte es tun müssen.
Hätte ignorieren müssen, wie klein er im Spiegel ist. Sein Schatten ist so viel größer. Man ist so stark, wie man sich fühlt. Willst du Hilfe, hilf dir selbst.
Doch der Drache stampfte eines Tages zur Tür hinaus und kam nie mehr wieder.
Jetzt ist der Tiger nur noch auf Suche nach verborgenen Gefahren.
Allein.
Ich sollte noch einmal sicher gehen.
Denn die Bilder schnüren mir die Kehle zu. Brennen hinter den Augen, die zufallen wollen. Ich will die Welt vergessen. Doch die Gefahren sind unvergesslich. Eingebrannt in den Kopf.
Also noch einmal. Durch den Flur. Ins Wohnzimmer gespäht. In die Küche geschnuppert. In den Flur geschaut. Die Treppen halb hinunter laufen. Hinauf laufen. Sicherheitshalber die Tür zum Dachboden anfassen. Ist sie heiß? Tobt ein Feuer im Dachstuhl? Wird es uns im Schlaf fressen?
Nichts. Es gibt keine Spuren von Gefahr.
Der Tiger kehrt von seiner zweiten Runde zurück.
Am Himmel immer noch die Punkte. Sterne. Flugzeuge. Dröhnen. Stille. Dröhnen.
Die Nacht wird dunkler. Schlaf greift nach mir mit kalten Fingern. Ich fröstele, wickele mich in die Decke, vergrabe mein Gesicht im Kissen. Jetzt will ich schlafen. Meine Arbeit ist getan. Hoffentlich ist mir nichts entgangen. Hoffentlich.
Flurtiger fallen die Augen zu. Er schläft endlich ein.

Gedichte · Meine Texte

Angst vor dem Vergessen

Ein Gedicht für Oma

heute sah ich deine Reflektion in einer rotglänzenden Christbaumkugel

deine Lippen rissig, doch glänzend vom Balsam, zu einem Lächeln verzogen

deine Hand auf einen Lebkuchen deutend, blaue Venenäste auf deinen Knöcheln

deine Augen an meinen Lippen hängend, nur für einen Moment

bevor die Schulter im Rücken mich weiterdrängt

Erinnerungsfetzen im Dampf davon schwebend

zwischen der Wärme von Tassen und der Kälte des Winters gefangen

das Versprechen von Vergessen

es schwebt über mir,

doch halte ich noch fest

jeden Augenblick

der ein Bild entstehen lässt

von dir

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Dieses Gedicht ist im Rahmen meiner Aktion #schreibengegendieangst auf Instagram entstanden. Thema 43 lautet: „Angst davor, zu vergessen oder vergessen zu werden“. Texte jeder Art sind willkommen. Vielleicht schaust du auch einmal vorbei, lieber Leser? Ich würde mich freuen!

Angst von A-Z · Blog

Angst von A-Z: A wie „Atmen“

Reguliere die Atmung und kontrolliere so den Geist. – B.K.S. Iyengar

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Atmen. Es ist ein natürlicher und automatischer Vorgang. Ein. Aus. Ein. Aus. Meistens denkst du gar nicht darüber nach. Tust es einfach. Ganz mechanisch: Ein. Aus.

Doch Angst bringt deinen Atem-Rhythmus durcheinander.

Es beginnt mit einem Stocken. Der Atem bleibt dir in der Kehle stecken. Alles scheint enger zu werden. Scheint sich zusammenzuziehen. Die Brust wird enger. Ein Druck breitet sich in deinem Kopf aus und lässt keinen Platz für Gedanken. Mit dem Druck kommt ein Schwindelgefühl. Ein erster Schauer, der dir kalt über den Rücken läuft. Ein erstes Vorgefühl von: Etwas stimmt nicht.

Dann geht alles ganz schnell. Dein Atem rennt dir davon. Gerät außer Kontrolle. Nicht genug und doch zu viel. Luftnot. Du atmest wie ein Fisch, der plötzlich aus dem Wasser gezogen wurde: Schnappatmung. Dein Mund öffnet und schließt sich, doch deine Lungen wollen sich nicht füllen.

Panik. Du fühlst sie kommen. Kannst ihr nicht entfliehen. Sie packt dich. Presst mit einer eiskalten Faust deine Brust zusammen, bis du das Gefühl hast, dass du gleich zerbersten wirst. Dein Körper füllt sich mit Eiswasser. Ein steter Strom, in dem jeder klare Gedanke ertrinkt.

Gefangen im Fluchtinstinkt versuchst du, die Oberfläche zu erreichen. Gleich, sagt die Angst, wird etwas Schlimmes passieren. Du wirst umfallen. Du wirst ohnmächtig. Oder du wirst einen Herzinfarkt haben. Und alle werden es sehen. Tausend Augen, die dich aus der Dunkelheit heraus beobachten. Doch du wartest vergeblich. Es passiert nichts.

Die Panikattacke dauert etwa 30 Minuten und es ist ein Fehlalarm. Das weißt du erst später.

Angst und Atmung sind miteinander verbunden. Wir atmen schneller, wenn wir Angst haben, weil die Panik unser körpereigenes Alarmsystem aktiviert und einen Fluchtinstinkt auslöst. Die Muskeln müssten bei einer Flucht mit mehr Sauerstoff versorgt werden, deshalb beschleunigt sich der Atem. Die übermäßige und flache Atmung kann zusätzlich Schwindel, Benommenheit oder Kribbelgefühle auslösen, die häufig zu noch mehr Angst führen.

Da das Gehirn schnelle Atmung mit Angst verknüpft, verbindet es langsames Atmen stattdessen mit Entspannung. Du kannst dich aus einer Panikattacke heraus atmen. Langsames und gleichmäßiges Atmen signalisiert dem Gehirn, dass keine Angst vorliegt.

Gegen die Angst zu atmen heißt: bewusst und durch den Bauch zu atmen. Atme tief durch die Nase ein. Fühle, wie das Einatmen deinen Bauch hebt. Lasse die Luft einen Moment in den Lungen, bevor du sie in einem langen Atemzug durch die Nase entlässt. Atme langsam und regelmäßig. Lass deinen Oberkörper und die Schultern ganz locker. Es gibt einige Techniken, die helfen. Hier ein Beispiel: 7 Sekunden einatmen, 3 Sekunden halten und 7 Sekunden ausatmen.

Mehr Informationen zu Angst und Atmen findest du hier: https://www.felix-michael-kolb.de/post/atemtechniken-gegen-angst-aber-richtig

Gibt es etwas, das du gerne zu Angst und Angst- / Panikstörung wissen möchtest? Sag es mir in den Kommentaren oder sende mir eine Nachricht!

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